Für seinen Debütroman hat Leon Engler einen starken Titel gefunden, der ebenso wie das grandiose Buchcover sofort neugierig macht – was bitte haben Botanik und Wahnsinn miteinander zu tun?
Bis auf den letzten Platz ausverkauft, bot die von der Hähnelschen Buchhandlung in Kooperation mit dem Team der Stadtbücherei Hachenburg organisierte Veranstaltung einen kurzweiligen Abend – trotz des buchstäblich schweren Themas.
Botaniker haben die ersten großen Klassifikationssysteme entworfen und in der Psychiatrie sind im Laufe der Jahre Systeme mit 2.400 Erkrankungen entstanden. Aber lässt sich der Wahnsinn kartieren wie die Botanik? Psychische Krankheiten wachsen, verzweigen sich, wurzeln, man kann sie analysieren, benennen, begreifen … „Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Großmutter?“, fragt sich der Protagonist, ein junger Mann, der auf die Lebensläufe seiner Familie zurückblickt. Was er sieht, ist ein Stammbaum des Wahnsinns. Die Großmutter: bipolar, mehrere Suizidversuche. Der Großvater: ständig in der Psychiatrie. Die Mutter: Alkoholikerin. Der Vater: depressiv. Wie schafft man es, mit diesem Hintergrund nicht selbst verrückt zu werden, zumal viele psychische Krankheiten als erblich gelten? So fürchtet auch der Erzähler einen Familienfluch. Seine Angst führt ihn schließlich selbst in die Psychiatrie, allerdings nicht als Patient, sondern auf die andere Seite: als Therapeut… Untermalt von Klavierklängen, die Leon Engler seinem Synthesizer entlockt, und einem Loop, dessen Schleifen sich wiederholende Sequenzen kreieren, führt Leon Engler das gebannt lauschende Publikum in die Welt psychischer Probleme, ihrer Ursachen, Wiederholungen und Verästelungen.
Nicht erst jetzt vermuten manche der Zuhörenden Parallelen zum Autor, dem beruflichen Werdegang Leon Englers, München, Wien und weiteren Aufenthaltsorten. Im Gespräch gesteht der sympathische Autor – selbst praktizierender Psychotherapeut – im Nachhinein hätte er seiner Hauptfigur vielleicht ein paar andere Attribute mitgeben sollen, denn die Frage nach dem autobiographischen Hintergrund wird ihm nicht zum ersten Mal gestellt.
Vieles ist jedoch erfunden und fiktionalisiert, weswegen das Buch auch ein Roman und kein Sachbuch wurde, doch es gibt auch Anteile darin, erzählt er, die seine eigene Familiengeschichte geprägt haben. So war etwa sein Großvater in Wien wohnhaft und hat viele Jahre im Steinhof verbracht, der dortigen Heil- und Pflegeanstalt für Geistes- und Nervenkranke. Im richtigen Leben hat Engler diesen Großvater im Wesentlichen über Akten aus dem Landesarchiv kennengelernt. Man soll Patientenakten nicht lesen, sondern wiegen, empfiehlt der Nachbar dem Protagonisten im Buch. Wie viel Gramm Leid ist darin beschrieben? Wie viel Gramm Wahnsinn? Engler verknüpft die Handlung in seinem Buch mit kurzen essayistischen Exkursen, etwa zur Psychiatrie-Geschichte.
Die Übergänge von der Romanhandlung in die „Erklärpassagen“ sind gelungene Einschübe, die etwas zu der Geschichte beitragen, und sich organisch ins Romangeschehen einfügen. Diese Mischung aus Recherche, Fiktion und Sprenkel echter Erfahrung funktioniert gut, und die an sich beklemmende Geschichte kommt dennoch leicht daher. Das Spiel mit den verschiedenen Zeitebenen, das Hin- und Herspringen bei den Orten, das Fragmentarische, sorgte so auch bei der Lesung für spannende Abwechslung. Der Erzähler verurteilt nicht, er versucht zu verstehen, weckt Mitgefühl und Verständnis für die im wahrsten Sinne „Ver-rückten“, und schafft dies mit einem Text voller lakonischer Gelassenheit, Ironie, Ernsthaftigkeit und tiefen Abgründen, von Leon Engler im passenden Tempo und angenehm sonorer Stimme vorgetragen.
Leon Engler, Botanik des Wahnsinns, Dumont Verlag 2025, 207 Seiten, 23,- Euro